Karin Rietschel

 

Ein Portrait, erschienen am 20.03.2011 in der Leipziger Rundschau:

Gemeinsam stark trotz Handicap
 Diese starke Mutter hat eine ganz einfache Therapie für ihre geistig behinderte Tochter: Nestwärme. Die gibt Karin Rietschel (68) ihrer Monique seit 48 Jahren. Statt ständig nach dem Warum zu fragen, setzt die Sächsin alles daran, dass ihre Tochter unbeschwert lebt, liebt und lacht.
Monique hat einen Freund: Artus heißt er, ist bildhaft schön und aufgeweckt. Seit acht Jahren sind der Australian Shepherd und sie ein Herz und eine Seele. Täglich toben sie zusammen im Garten. Ein geschützter Bereich. Hier können sie nach Lust und Laune spielen. Denn den Hund beispielsweise an der Leine draußen auszuführen, würde sie in Gefahr bringen. Ihr Gang ist zu unsicher. Mutter Karin kennt die Grenzen ihrer Tochter. Sie kann nicht lesen, schreiben, rechnen. Nie wird sie ihr einen Mann vorstellen oder einfach mal sagen: Mutti, heute besuchen mich ein paar Freundinnen. Doch Monique kann zuhören und mit ein paar Worten sagen, was ihr gefällt und was nicht. Sie hat das Glück, in einer Werkstatt für Behinderte arbeiten zu dürfen.
Das gibt ihr das Gefühl, gebraucht zu werden. Wenn sie nachmittags von der Arbeit kommt, stehen Mutter und Hund Spalier, nehmen Monique in Empfang. "Dabei muss ich schon manchmal aufpassen, dass ich auch noch zum Zuge komme", meint die Mutter lachend. Der Rüde entwickelte im Laufe der Zeit einen starken Beschützerinstinkt für seine Monique.
Natürlich weiß Karin Rietschel, dass ihre häusliche und tierische Nestwärme-Therapie nur so lange funktioniert, wie Mutter und Vater gesund bleiben. Aber sie haben es sich angewöhnt, nicht ständig darüber zu grübeln: Was wäre wenn … Das hatten sie jahrelang getan, damals, als sie mitbekamen, dass Monique sich nicht so entwickelte wie die zweite Tochter. Karin und Klaus Rietschel suchten verzweifelt nach dem Auslöser. "Denn Monique ist kerngesund auf die Welt gekommen", erinnert sich die ehemalige Englischlehrerin. Die Ärzte konnten ihr bis heute keine Antwort geben. Fast schon trotzig versuchte sie, ihre Tochter zu fördern, sie in die Schule zu schicken. Aber die Chemnitzerin musste nach vielen verzweifelten Versuchen einsehen, dass ihre Tochter anders ist und bleibt.
Trotzdem gibt es in diesen engen Grenzen genug Spielräume: Jeden Sommer ist die Familie mit dem Wohnwagen und Hund im Ausland unterwegs. Bei Hansi-Hinterseer-Konzerten zählt Monique zu den eingeschworensten Fans. Wenn ihre Mutter sie dabei beobachtet, fühlt sie, dass sie ihrem Buch, das nach Tagebuchaufzeichnungen entstand, den richtigen Titel gegeben hat: ‚Es wäre nicht mein Leben". Ohne Monique.

Tipp: Karin Rietschel: "Es wäre nicht mein Leben" (ISBN: 978-3-86805-402-6) oder www.karin-rietschel.de.

Thomas Gillmeister